Theatertage am See - Festival des internationalen Amateurtheaters
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Aktuelles zur theaterpädagogischen Aus- und Fortbildung

Nicht nur im Kochtopf brodelt's bedrohlichMittwoch, 09. Juli '08

Kategorie: Theaterpädagogische Ausbildung, Theaterpäd. Ausbildung

Von: Südkurier, Harald Ruppert

Der Leistungsdruck in der Großküche wird dem Publikum mit spielerischer Leichtigkeit serviert. Michael Kettel

Es scheppert, klirrt und kracht ohrenbetäubend. Die Geräusche einer Großküche fluten auf das Publikum ein; immer schneller wird der Rhythmus, in dem die Küchenmädchen, die Köche und auch das Servicepersonal nur noch Rädchen sind, die den rasenden Betrieb am Laufen halten müssen. Mit dem Stück "Malzeit", entstanden auf Grundlage des Dramas "Die Küche" von Arnold Wesker, übt der 7. Theaterpädagogische Ausbildungskurs am Seminar Meckenbeuren Zeitkritik. Es hätte eine Inszenierung werden können, in der betroffen vorgeführt wird, wie der Druck der Arbeitswelt die Menschen verroht. Herausgekommen ist unter der Leitung von Jürgen Mack (Regie) und Pia André (Choreographie) aber etwas anderes: Gemeinsam mit den 26 Darstellern haben sie eine pralle Tragikomödie entwickelt. Was "Malzeit" an Jammer über die Welt aufzubieten hat, wird in das Temperament britischer Arbeiterkomödien wie "Ganz oder gar nicht" überführt - vermehrt um Tanzszenen, die gleich mehrere Genres in ein stimmiges Ganzes verwandeln: In der Großküche wirbeln die Angestellten im Takt der Maschinen, so wie einst Charlie Chaplin als Arbeiter in "Moderne Zeiten". Wie im Tanzspektakel "Stomp" wiederum werden die Rhythmen der Maloche durch Alltagsgegenstände erzeugt - nur eben nicht mit Besen und Mülltonnen, sondern mit Töpfen, Geschirr und auf riesigen stählernen Herden. Und da es der Choreographie an Eleganz nicht fehlt, wenn die Serviererinnen wie an einer Perlenkette aufgereiht über den Schauplatz wirbeln, ist im Tanz sogar die Leichtigkeit des amerikanischen Revuefilms präsent.

Mit dem Dorfgemeinschaftshaus Kehlen hat die Aufführung ein Obdach gefunden, das wegen seines dominanten Beton-Treppenhauses für eine herkömmliche Inszenierung fast untauglich ist. Die Akteure wurden jedoch erfinderisch: Nicht nur nach vorn, sondern auch zu beiden Seiten des Treppenhauses, bis ins zweite Stockwerk hinauf, wird gespielt. Das Publikum sitzt mittendrin in diesem "Surround-Theater" und kommt aus dem Schauen nicht heraus: überall wird geschafft und geschwitzt. Das Hackmesser saust aufs Holzbrett, Gläser werden getrocknet, Bestellungen weitergegeben, Töpfe geschleppt - und natürlich wird ausdauernd, in wechselnden Konstellationen, geliebt, gezankt, herumgeschrien, denn der Leistungsdruck ist enorm.

Arnold Wesker begriff die Küche seines Stücks als Spiegelbild der Gesellschaft, Sinnbild des Lebens der kleinen Leute zu Beginn des Londons der 1950er Jahre. Der Theaterpädagogische Ausbildungskurs hat diese Bezüge gemeinsam auf das Deutschland der Gegenwart übertragen und ist dabei so aktuell, dass sogar die Fußball-Europameisterschaft ihren Platz hat. Wieso beschweren sich die deutschen Zeitungen nach dem Halbfinalsieg gegen die Türkei nur über den Bildausfall bei der Fernsehübertragung, während die türkische Presse das eigene Nationalteam trotz der Niederlage für ihr Kämpferherz bejubelt? Leichfüßig wird der Unterschied der nationalen Mentalitäten vom Küchenpersonal selbst zum Thema gemacht, denn die Küche gleicht einem Eintopf der Landsmannschaften.

Da ist etwa die beherzte, temperamentvolle Selma (Sevil Aydogan) - ausgerechnet sie als Muslimin wird am Herd fürs Schweinefleisch abgestellt; eine Zumutung, die aber noch gar nichts ist, verglichen mit den Attacken, denen sie durch Max (Martin Hehl), den frustrierten Metzger, ausgesetzt ist: "Du bist in Deutschland, also sprichst du deutsch!", raunzt er und lässt das Hackbeil auf den Hauklotz sausen.

In kurzer Zeit hat sich die große Schauspieltruppe die verschiedensten Dialekte "draufgeschafft" - allen voran Manuel Jentschek als Luigi, Koch am Grill. Er gibt den italienisch radebrechenden Schnellschwätzer mit dem hitzigen Temperament und dem blaugeschlagenen Auge mit enormer Komik, so wie Karsten Pechan das genaue Gegenteil markiert: Als versoffener Küchenchef kommt ihm kein Wort zu viel über die Lippen - und wenn doch, dann in breitem Schwäbisch maulend. Aber auch an weiteren Zungenschlägen fehlt es nicht: Badisch, Schweizerdeutsch und der gesamte Balkan schlagen durch - letzterer in Form der Servicekraft Monica, mit exaltierter Derbheit gespielt von Caroline Helmer. Die bunte Sprachpalette sorgt nicht nur für gehörigen Witz, sondern trägt auch zur plastischen Figurenzeichnung bei.