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Bewährungsprobe vor dem ElfenbeinturmFreitag, 03. April '09
In den kommenden drei Wochen kann sich das kürzlich gegründete Theater Oberschwaben-Bodensee fast schon zurücklehnen. Die Vorpremiere des Projekts „Nur ein Spiel“ zur Eröffnung der Theatertage am See in der Bodenseeschule war ein voller Erfolg. An Grundsätzlichem gibt es nichts mehr zu feilen, bis das Stück am 23. April bei „Kultur am Gleis 1“ in Meckenbeuren seine wahre Premiere erleben wird.
Entstanden ist das Theater Oberschwaben-Bodensee aus den Verbindungen des Seminars für Lehrerbildung in Meckenbeuren und dem Theatertage-Förderverein. Da verwundert es nicht, dass fast ausschließlich Lehrerinnen mitspielen, und es wundert noch weniger, dass Jürgen Mack dabei eine tragende Rolle zukommen: Sowohl was die Theatertage als auch was die theaterpädagogische Ausbildung am Seminar angeht, laufen bei ihm die Fäden zusammen. Jürgen Mack führt bei „Nur ein Spiel“ Regie, und das bedeutet mehr, als einen Text auf der Bühne zu beleben; der Text musste überhaupt erst erstellt werden. Das Stück „Nur ein Spiel“ von Elinor Eidt und Michael Polty wurde umgearbeitet, bereichert um Einflüsse aus Filmen wie „Kleine Haie“ und choreographierten Szenen, wodurch die Inszenierung bisweilen an den Streifen „A Chorus Line“ erinnert.
Ebenso wie in diesen Filmen geht es in „Nur ein Spiel“ um angehende Schauspielerinnen in einer Bewährungsprobe: Zur Schauspielschule zugelassen zu werden, ist das Ziel. Sehr gut gelingt es, in dieser Situation die Unsicherheit spürbar zu machen. In keiner Hinsicht gibt es Stabilität: Nicht in der Solidarität der Bewerberinnen untereinander, die jederzeit in die Rivalität der kalten Schulter umschlagen kann, und auch die beiden Prüfer (Maria Heipl-Ruckert und Jochen Köhler) trennt ein Riss der wechselseitigen Missbilligung, die zu unvorhersehbaren Entscheidungen in der „Auslese“ führt. Wenn eine Aspirantin dann auch noch jene Rolle vorspricht, mit der die Prüferin vor Jahren auf der Bühne selbst Schiffbruch erlitt, wird im Kleid der Schauspielerei der Kampf ums ganz reale Ego ausgefochten.
Dem Schauspieler wird die Bühne zum realen Leben, denn hier entscheidet sich, ob er besteht oder versagt. Aber noch in anderer Hinsicht stehen Spiel und Wirklichkeit in dieser Inszenierung in Verbindung: In der Wahl der Rolle formulieren die Vorsprechenden bisweilen das Wunschbild des eigenen Charakters. Am hellsten leuchtet dieses Wechselspiel gerade dann, wenn Wunsch und Wirklichkeit sich auf Biegen und Brechen ins Gehege kommen – wie in jener Szene, in der Frauke (Karen Bender) die Elisabeth aus Schillers „Maria Stuart“ spricht. Angeknackst ist diese Herrscherin, aber ungebrochen ihr Stolz – und doch lässt Frauke sich demütigen, indem sie auf Anweisung der Prüferin die Rolle lispelnd, humpelnd, zuletzt auf allen Vieren spricht. In spannungsvollen Momenten wie diesen entsteht Theater, das Funken sprüht.
Zu arbeiten gilt es an den choreographierten Szenen, die noch zu offensichtlich einstudiert wirken, denen es an Fluss fehlt – aber ist das ein Wunder, drei Wochen vor der Premiere? Sehr gut gelungen ist das Bühnenbild. Da gibt es folienbezogene Gestelle aus Metall, die alles bieten, nur eben keinen sicheren Rückhalt – bezeichnend für die Gesamtsituation der zwischen Hoffen und Bangen pendelnden Vorsprechenden. Auch die variablen weißen Holzbauten werden so eingesetzt, dass sie inhaltlich Sinn machen. Zum einen sind sie freilich Requisit in der Vorsprechsituation – als solche auch sie beträchtlich instabil – zugleich bilden sie aber eine Art Treppe, die zu den Prüfern hinaufführt. Dort oben thronen sie, auf ihrem elfenbeinweißen Turm, doch die Erhabenheit ist nur eine scheinbare. Wagen sich die Prüfer über die gestapelten weißen Kästen einmal herunter zu den Gefahren der Bühne, ist das eine Kletterei, ein Balanceakt, der sinnbildlich zu nehmen ist. Nein, von Königen auf solchen Sperrholzthronen lassen sich die Abgelehnten unter den Aspiranten zuletzt dann doch nicht entmutigen: „Nächste Woche ist Vorsprechen in Essen. Sehen wir uns?“







