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Ein Gesicht ist wie ein offenes BuchSamstag, 09. April '11
Orangen sind gut – um andere damit zu bewerfen, um sie mit roher Gewalt zu konfrontieren, aber auch um seine eigene Aggression loszuwerden. Selbst schuld, warum muss man unbedingt den Außenseiter spielen.
Leiden, Betroffenheit, Auslachen, Freunde finden – irgendwie ist alles doch immer dasselbe und gleichzeitig radikal anders. „Ich bin gut in der Schule, auch wenn ich mir vorstellen könnte, später von Hartz IV zu leben“, sagt die eine. „Meine Mutter ist ziemlich beknackt, ich bin für die Apokalypse 2012“, sagt die andere. Jakob, 13, liebt Tiere und möchte doch gerne Metzgereiverkäufer werden. Was ist wichtig, was belanglos, wer weiß das schon.
Ein Gesicht ist wie ein offenes Buch. Aber wie viele Gesichter hat ein Mensch? Das „Book of faces“ bei den Theatertagen am See hat in jedem Fall viel zu bieten, wie das Spina-Theater Solingen in Zusammenarbeit mit der Wilhelm-Hartschen-Schule und der Lebenshilfe Solingen mit ihrem gleichnamigen Stück unter der Regie von Olek Witt kompromisslos zu belegen weiß. Ein integratives Theaterprojekt, das Darsteller mit und ohne Behinderung auf die Bühne bringt, sich den herausfordernden Fragen des Lebens stellt und den Schauspielern die Chance lässt, ihre ganz persönliche Erfahrungswelt zu thematisieren. Gerade durch den erregenden Hang zur Übertreibung schockiert dieses Stück und geht gleichzeitig unter die Haut.
„Autos sind nicht mal annähernd so schön wie ein Tautropfen auf einer Blume, der in der Sonne glitzert.“ Irritation und Poesie, Liebe und Feindseligkeit schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich in fast erschreckender Handlungsdichte. Jeder ist in sich gefangen: derjenige der Angst hat, von Spaghettis angegriffen zu werden; derjenige, der weiß, dass im Garten hinterm dritten Rosenstock ein Tunnel beginnt. Geister sind überall, unter Wasser oder in uns. Wer will schon mit einem leidenden Geist befreundet sein? Und was noch viel schlimmer ist: Wer hat schon Bock, das eigene Zimmer aufzuräumen? Aus dem eigenen Ich ausbrechen? Keine Chance.
Musik, Tanz, körperlicher Ausdruck – Theater und wirkliches Leben liegen gar nicht so weit auseinander. Individuen verschmelzen und werden doch nicht eins. Die Welt ist ein Chaos. Doch Wirrwarr beginnt einer Ordnung zu weichen, die sich wenige Augenblicke später selbst wieder hinterfragt und in Luft auflöst. Auch vermeintlich freundliche Zeitgenossen können sich zu wilden Horden zusammenrotten und gegen Einzelne mit Brachialgewalt zu Felde ziehen.
Ein in sich geschlossener Kreis und gleichzeitig ein offenes Ende – damit werden die betroffen und nachdenklich gewordenen Zuschauer nach gut 60 Minuten vom Spina-Theater konfrontiert. Orangen bleiben in jedem Fall gut. Man muss nicht mit ihnen werfen. Man kann sie auch schälen und sich gegenseitig in den Mund schieben. Ein süßlicher, fast sinnenfroher Duft liegt in der Luft.







