Theatertage am See - Festival des internationalen Amateurtheaters
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Klassiker ganz unklassisch: "Ich Romeo, du Julia"Samstag, 08. April '06

Kategorie: 2006, Theaterprogramm

Von: Südkurier, Dagmar Mader

Friedrichshafen: Schweizer Profis überzeugen das Publikum bei den Theatertagen am See mit einem Geburtstagstheater soso-lala nach Wilhelm Shakespeare

Ort: Kantine im Schauspielhaus. Personen: Herr Meyer, Kantinenwirt im Schauspielhaus, Herr Widtmann, seines Zeichens Schauspieler, jedoch weit unter Wert eingesetzt, wie der weitere Fortgang des Stückes sehr deutlich zeigt. Zeit: irgendwann im Jetzt - oben, im Schauspielhaus, wird bereits die fünfzigste Aufführung von Romeo und Julia gegeben, dem klassischsten aller Liebesdramen.

Meyer, der Kantinenwirt (überzeugend und variantenreich gespielt von Ruedi Meyer) kennt das Stück, das per Lautsprecher in seine Kantine übertragen wird, wie seine Westentasche. Er wünscht sich anlässlich seines Geburtstages eine eigene Interpretation der Liebesgeschichte, gemeinsam mit den Nebenrollendarsteller Widtmann, der nach seinem einem Satz, der bereits im 1. Akt, 1. Szene fällig ist, immer in die Kantine flieht, um der Arroganz der Hauptrollenschauspieler zu entgehen. Zuerst lacht Widtmann ihn aus, findet das Vorhaben unrealistisch und willigt dann doch ein mit den Worten: "Ich Romeo, Sie Julia!" In der Gewissheit, die viel besseren Schauspieler zu sein als diejenigen, die oben wirklich spielen, beginnen die Beiden eine höchst ungewöhnliche, aber brillante Annäherung an den Klassiker.

In herrlichster Komik erfolgt ein Schnelldurchgang durch die wesentlichen - und damit auch bekanntesten - Szenen der Liebesgeschichte, der schnell erkennen lässt, dass hier in der Kantine das weitaus bessere Schauspiel gegeben wird als oben aus der Bühne.

Die Balkonszene wird mit zwei übereinander gestellten Tischen improvisiert: hintereinandergestellt ergibt sich das "Ehebett" der Liebenden, und unter dem Tisch liegend werden sie zur Gruft der Todesszene. Die unterschiedlichsten Alltagsgegenstände aus der Kantine mutieren zu wichtigen Requisiten: Ein Korkenzieher wird zum Kruzifix für den Pater, ein Garderobenständer zum Gebüsch, in dem sich Romeo versteckt, und aus einem Lampenschirmchen ein variantenreicher Kragen sowohl für Julias Mutter als auch die Amme.

Sehr überzeugend eingesetzt wird das "Aus der Rolle Fallen"; die Szene nach der Liebesnacht verleitet den Schauspieler Widtmann prompt dazu, dem Kantinenwirt nach der gespielten Liebesnacht das Du anzubieten. Trotz aller Komik rutscht die Inszenierung nicht ins Banale oder gar Platte ab. Der Slapstick beherrscht zwar den Vordergrund, lässt jedoch den wirklichen, tieferen Hintergrund nicht verschwinden, sondern betont diesen ganz im Gegenteil. Dies liegt nicht zuletzt an der großartigen schauspielerischen Leistung der Akteure, die mit bewundernswerter Leichtigkeit in die vielen verschiedenen Rollen schlüpfen. Beeindruckend, wie es ihnen gelingt, jeder dargestellten Person einen individuellen Charakter zu geben. So wird Shakespeare zu einem großen Spaß, bei dem auch Komik zum Nachdenken und Mitfühlen anregen kann.

Mitgewirkt an dieser Inszenierung haben vier Regisseure, deren Einfälle sich zu einer lebendigen, wendigen und witzigen Inszenierung fügen. Insgesamt eine Bereicherung der Theatertage, die dazu verführt, Shakespeares Liebesgeschichte im Original nachzulesen.