Theatertage am See - Festival des internationalen Amateurtheaters
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Odyssee durch die TheatergeschichteSamstag, 31. März '07

Kategorie: Theaterprogramm, 2007

Von: Südkurier, Harald Ruppert

Sechstausend Kilometer hat die Jugendtheatergruppe "Harlequin" aus Perm in Russland hinter sich gelassen, um bei den Theatertagen dabei zu sein, und offenbar haben die jungen Schauspieler von ihrer Odyssee noch immer nicht genug: Auch in ihrer Eigenproduktion "Non-linear Evolution" reisen sie - quer durch die Erdzeitalter und Theaterepochen, aus namenlosen Urzeiten bis in die Gegenwart.

Theater wird in diesem Stück zu einer naturgesetzlichen Größe erhoben, die dem Leben - nicht nur dem menschlichen - eingeschrieben ist. Indem sie sich eine Plastikplane überziehen, verwandeln sich die Darsteller in schneckengleiche, urzeitliche Wesen, umgarnen sich, führen mystisch langsame, instinktgesteuerte Tänze auf.

Sogar im mikroskopischen Bereich gibt es Theater: Mit Stoffbahnen und Reifringen verwandelt sich die Truppe in kristalline Strukturen, die eine Choreographie des Zufalls kreieren. Das alles wirkt nicht im Mindesten improvisiert, sondern besitzt einen fremdartigen Zauber, ist voller Magie und macht "Harlequin" zum heißen Anwärter auf den Theatertagepreis 2007.

Es ist schon viel geschehen, bis Adam und Eva sich aus ihren Fruchtblasen hervorkämpfen und in die Welt hineinfallen. In gekonnter Ungelenkheit, die eine Menge Ballett-Erfahrung verrät, werden sie sich ihrer Körper bewusst.

Das Theater "Harlequin" findet zündende Szenenbilder für jede Stufe der Theatergeschichte, die jungen Darsteller beherrschen die in sich gekehrte Würde ebenso wie die ausgeflippte Fröhlichkeit: Zu Popmusik mit Bouzouki-Klängen gruppieren sie sich zu urkomischen antiken Tänzen, in nur drei Minuten eilt die Gruppe durch Shakespeares "Hamlet" und löst mit pantomimischen Fecht-Duellen Begeisterung aus. In einem stimmigen Bild werden in der Commedia dell'Arte die ihr eigenen Figurentypen dargestellt und zur Gleichzeitigkeit der Gegensätze gruppiert: Tränenreich erstickt ein Karaoke-Tenor im eigenen Klagegesang, während ein Possenreißer leichterdings in hohem Bogen über ihn hinwegspringt. Die Lust an der Entdeckung der Theatergeschichte ist so groß, dass ausgerechnet das Kapitel Russland nur eine kleine Rolle spielt: Kurz erscheint Tschechows "Möwe" als stilisiertes Requisit, und schon wandert die Szenerie zum nächsten Schauplatz.

Lieber wendet sich die russische Truppe dem Entlegenen zu - und findet Theater in der Malerei der Renaissance. Ähnelt Botticellis Bild "Geburt der Venus" nicht einem Bühnenbild? Beim Theater "Harlequin" wird es lebendig: Die aus dem Meer geborene Göttin versucht, ins Wasser zurückzukehren - und dabei kommt es zu reizvollen Wechselspielen mit den Fluten (eine Stoffbahn, die von den hinter agierenden Schauspielern belebt wird). Es stößt die Göttin zurückt, umschmeichelt sie und nimmt sie zuletzt doch wieder in sich auf. Dem Einfallsreichtum der russischen Theatergruppe hätte wohl selbst André Heller, der Großmeister der Publikumsverzauberung, Anerkennung ausgesprochen.