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Dunkel eines jungen LebensDienstag, 07. April '09
„Annäherungen an Gregor S. und Franz K.“ – so lautete der Titel der Performance, mit der die Theaterwerkstatt des Albeck-Gymnasiums Sulz/Neckar bei den Theatertagen am See vertreten war. K. und S. sind gewissermaßen Seelenverwandte, denn der eine hat den anderen geschaffen: K. steht für Franz Kafka, S. für Samsa, Vorname Gregor – die Hauptfigur aus Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“. Das Gefühl, in der eigenen Familie ein Außenseiter zu sein, kleidete Kafka in die Geschichte des Gregor S., der sich über Nacht in einen Käfer verwandelt – und von seinen Angehörigen entsprechend behandelt wird. Ganz ohne literarische Maske hat Kafka seine eigene Außenseiterrolle in der Familie, sein Gefühl, den Ansprüchen insbesondere des Vaters nicht genügen zu können, im Text „Brief an den Vater“ artikuliert. Die Theaterwerkstatt des Albeck-Gymnasiums hat die beiden Texte aufgrund ihrer thematischen Parallelität zu einer Performance entwickelt, in der sich Bewegungstheater mit Sprechszenen verbindet.
Eine Familie beim Kaffeetrinken, alle in Schwarz gekleidet, jede Bewegung mechanisch, stockend und verdrossen – so beginnt die Aufführung. Der Sohn der Familie hält nicht hinterm Berg mit seiner Wut auf den Vater: Ein Tyrann sei er, außerdem gefühlskalt; der Vater wiederum hält dem Sohn dessen Faulheit vor. Die Mutter entgegnet, dass die Kinder nur durch ihren Vater das seien, was sie heute sind. Zaghafter Gesang unterstützt die Melancholie des Momentes und die Angst, die in der Luft liegt.
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Szenenwechsel – und auch ein Wechsel von Kafka zu Gregor Samsa. Gregor hat sich in seinem Zimmer verbarrikadiert; Vater, Mutter und Tochter horchen an der Tür. Eine synchrone Aufstellung, die die Lächerlichkeit der Aktion unterstreicht. Ein Prokurist ist gekommen, Verkörperung des Leistungsdrucks, dem Gregor ausgesetzt ist, und dem er wohl gerade entkommen möchte. Im Takt der Schläge der Uhr, die er in der Hand hält, mahnt der Prokurist Gregor zur Erfüllung seiner Pflichten. Ein Schlosser muss also her, der die Tür öffnet – Panik bricht aus, tänzelnde Eile. Aus den sich mechanisch bewegenden Individuen wird ein Pulk, der wiederum als Sinnbild zu verstehen ist. Wie ein riesiger Roboter mit 20 Händen und Füßen zuckt es aus allen Teilen der sich krümmenden Darsteller auf dem Boden. Die drei Jungs und sechs Mädchen erstarren in der verdrehten Pose – sind es gerade die mechanistischen, unmenschlichen Anforderungen des Berufs, und der festgelegten Rolle innerhalb der Familie, die den Menschen Gregor S./ Franz K. zum Tier, zum Käfer degenerieren lassen?
Gregor ist zum Käfer mutiert. Als er, der „unglückliche Sohn“, wie er von den Eltern genannt wird, stirbt, blüht die Familie auf – einen Spaziergang könnten sie machen, fällt seinen Angehörigen ein. Mit so viel Freude und Lebenslust wie nie zuvor begeben sich alle Darsteller in einem Tanz, begleitet von sonnigen Melodien. Verstoßen haben sie Gregor und lächeln doch zum Song „Life is live“ um die Wette.
Der imaginäre Vorhang fällt – und der Saal bebt vom Applaus des Publikums. Eine Inszenierung, die den Theatertage-Preis wirklich verdient hat.







