Theatertage am See - Festival des internationalen Amateurtheaters
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Ein fremdartiges WunderwerkMontag, 11. April '11

Kategorie: 2011

Von: Südkurier

Ein Großereignis: Chinesische Oper bei den Theatertagen am See

Die Fallhöhe des Helden, sie ist in der China-Oper nicht nur ein Wort. Er steigt auf ein rund ein Meter hohes Podest und springt in einem akrobatischen Sprung hinunter. Der Wendepunkt seiner Geschicke ist gekommen. In wenigen Minuten wird er besiegt am Boden liegen.

Das Gastspiel der Thaizhou-Peking-Oper-Gruppe ist für die Theatertage ein Großereignis: Als kulturelle Botschafter Chinas sind sie nur für diesen 90-Minuten-Auftritt nach Friedrichshafen gereist, um fast unverzüglich danach wieder zurückzufliegen. Eine 15 Kopf starke Truppe, deren Auftritt zudem mit heißer Nadel gestrickt war, weil die ursprünglich eingeladenen Opernkünstler aus China kein Visum erhalten haben. Der Lohn ist ein fast völlig fremdartiges Spektakel, wie man es bei den Theatertagen noch nie erlebt hat und der das Publikum in Mengen anzieht, die das Manegentheater an seine Grenzen bringen.

Chinesische Oper, das ist ein Kontrast zwischen den Kunstfiguren auf der Bühne, bei denen es nicht eine einzige Bewegung gibt, die nicht choreographiert wäre, und ihren Darstellern, die sich hinterm Vorhang genauso aufgeregt auf ihren Auftritt vorbereiten wie auch jeder andere Schauspieler der Welt. Von den Handlungen der kurzen Stücke würde man ohne die vorangestellten Zusammenfassungen kaum etwas verstehen, und auch so findet man sie im Geschehen oft nur ansatzweise wieder.

Chinesische Oper, das ist eine ungemein farbenprächtige Angelegenheit, mit Herrschern und Mächtigen, deren Kopfputz in meterlangen Pfauenfedern ausläuft.

Chinesische Oper ist für einen Menschen unseres Kulturkreises eine ebenso rituell handlungsverzögerte wie ungemein akrobatisch packende und auch humoristische Angelegenheit – wobei man sich nicht sicher sein kann, auch an den richtigen Stellen zu lachen.

Chinesische Oper erscheint wie ein dauernder Widerspruch: Einerseits ist sie viel artifizieller als die europäische Oper, andererseits bezieht sie das Publikum sehr viel stärker ein: „Ein Publikum, das sich still verhält, ist für die Darsteller ein ganz schlechtes Zeichen“, erklärt Jürgen Mack – und so feuert das Publikum an, was das Zeug hält, was nicht schwer fällt angesichts von Flickflacks und hochvirtuosen Stockkämpfen. Chinesische Oper, das ist eine tänzerische Angelegenheit. Wie angewurzelt dazustehen und zu singen, bleibt den Kollegen in Europa überlassen. Musikalisch ist chinesische Oper ein Fall für sich: Die instrumentale Begleitung ist fast rein perkussiv, und die Klangbänder des hohen, gequetschten Gesangs, der an diesem Abend offenbar als Playback eingespielt wird, hat mit Melodie im europäischen Sinne kaum etwas zu tun.

Chinesische Oper: ein kryptisches und kurioses Wunderwerk, für das die Menschen für gewöhnlich ins Reich der Mitte reisen, um es zu erleben. Diesmal gehen sie vor die Haustür, zu den Theatertagen.