Pressemappe
Ein Griff ins pralle MenschenlebenFreitag, 07. April '06
Theatertage am See: Behinderte und Nichtbehinderte glänzen mit einem Stück frei nach Shakespeare
Momente der Zärtlichkeit: Der Prinz ergreift die Hand der schönen Miranda und ertastet jeden einzelnen Finger mit einer emotionalen Intensität, die Zeit und Raum vergessen lässt. Momente spontaner Improvisation: Wenn König Prospero seinen Text kurzzeitig vergessen hat, erfährt er ihn kurzerhand von seinen Matrosen, vom Luftgeist Ariel oder vom Ungeheuer Caliban. Momente puren Glücks: Schiffbrüchige überleben, aus Fremden werden Freunde, aus Verbitterung wird innere Zufriedenheit.
Menschen finden zu Menschen, auf der Bühne wie im wirklichen Lehen. So genannte Behinderte und so genannte Nichtbehinderte spielen frei nach Shakespeare, und das, als ob es das Normalste der Welt wäre. Geht das mit rechten Dingen zu? Womöglich genauso wenig, wie das märchenhafte Treiben am "Tag am Stand mit Sturm", das vom "Augenblick Theater Mannheim" unter der Leitung von Birgit Thomas auf die Bretter des Manegentheaters gebracht wurde.
Darsteller zwischen 14 und 25 Jahren, die sich der Atmosphäre eines klassischen Stückes und der Eigenheit der Charaktere auf sehr individuelle Weise nähern und sich auch durch einen unvermuteten Feuerfehlalarm nicht aus der Fassung bringen lassen. Mit oder ohne Handicap, dieses Problem stellt sich nicht. Dafür die interessante Frage, wie es gelingen kann, einzelne Rollen so ineinander zu verschmelzen, dass der Spielball blitzschnell von einem Schauspieler zum anderen hin- und hergeworfen werden kann. Wer ist König und wer ist Geist? Jeder ist alles, genauso, wie ist die Situation gerade erfordert.
Es ist Shakespeares pralles Menschenleben, dessen spielerische und gleichzeitig authentische Umsetzung den Akteuren sichtlichem Spaß macht. Nicht weniger Spaß haben die Zuschauer, die sich auf eine Insel entführt wähnen und dort schicksalhaften Begegnungen folgen dürfen. Süße Geigenklänge dringen ans Ohr, aber auch schrille Töne und unheimliche Geräusche. Für den vertriebenen König Prospero scheint die Zeit der Rache endlich gekommen, wieder andere sehen sich schon als Herrscher der Insel und träumen von einer Strandbar oder einer Kastanienhöhle.
80 Minuten gehen schnell vorbei. Der König wird Buchhändler, das Ungeheuer hilft im Altersheim, Ariel glänzt als zauberhafter Clown, Miranda geht als Model nach New York.
Kann es etwas Schöneres geben? Ja, das Gefühl, zur rechten Zeit am rechten Platz gewesen zu sein. "Heut' waret mir aber guat", strahlt einer der Akteure, als der Vorhang längst gefallen ist. Dem ist nichts hinzuzufügen.







