Theatertage am See - Festival des internationalen Amateurtheaters
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Zeitkritische Stoffe bei den Theatertagen am SeeSamstag, 04. April '09

Kategorie: Theaterprogramm

Von: Südkurier, Daniel Bagehorn

Das Gewissen des Lehrers (rechts, gespielt von Annika Greiner) meldet sich im Laufe des Stücks „Jugend ohne Gott“ immer deutlicher zu Wort. Bild: Schall

Zeitlose Theaterthemen wie die Kritik an der Gesellschaft und die ewige Fragen nach dem „Wer bin ich?“ und „Wo gehe ich hin?“ standen am Donnerstagabend auf dem Programm der Theatertage am See. Das Jugendtheater „Tempus fugit“ aus Lörrach spielte „Jugend ohne Gott“ nach dem Roman von Ödön von Horváth und das „Theater der Migranten“ brachte seine Eigenproduktion „Oppelner Straße“ auf die Bühne der Bodensee-Schule.

„Tempus fugit“ gehören zu den Stammgästen der Theatertage und wurden für ihre Darbietungen bereits mehrfach ausgezeichnet. In „Jugend ohne Gott“, nach der Regie von Karin Maßen, spielen insgesamt 18 Jugendliche des Ensembles Horváths Geschichte des namenlosen Lehrers. Dieser hat es mit Schülern zu tun, die ohne zu denken alles nachplappern, was ihnen die Erwachsenenwelt vorbetet. Kalt und emotionslos erzogen, erleben die Kinder eine Gesellschaft, die von Macht und Größe träumt und für alle Probleme und Schwierigkeiten schnell einen Schuldigen zu benennen weiß. Versucht der Lehrer anfangs noch die Kinder für Menschlichkeit und Freiheit zu begeistern, resigniert er bald und macht sich schließlich selbst schuldig, die Jugend eher auf einen Krieg als auf Frieden vorzubereiten. Nach einem zögernden Beginn nimmt das Stück im Laufe seiner 80 Minuten Fahrt auf und auch die Schauspieler finden immer mehr in ihre Rollen. Besonders überzeugen konnten dabei Annika Greiner als Gewissen und Alter ego des Lehrers, Franziska Kienzler als skrupellose Reporterin und Rosanna Hilpert als Rechtsanwältin.

Leider bleiben viele andere tragende Rollen seltsam blass und unscheinbar. Dieser Theaterfassung von „Jugend ohne Gott“ gelingt es, anschaulich Horváths Kritik an den Moral- und Wertvorstellungen der Kleinbürger herauszuarbeiten. Die religiös-pathetische Thematik des Stückes, eben der Jugend ohne einen Gott, wird zwar im Stück mehrmals angesprochen, läuft aber ins Leere und weiß nicht zu überzeugen.

Ohne übertriebenes Pathos kam die Inszenierung des „Theaters der Migranten“ aus Berlin daher. Ihre Produktion „Oppelner Straße“ thematisiert die schwierige Suche nach Heimat für Jugendliche mit Migrationshintergrund, wie sie im Beamtendeutsch genannt werden. Fast alle der zwölf Schauspieler sind als Kinder mit ihren Eltern nach Berlin emigriert und suchen nun als junge Erwachsene ihren Platz in der Welt. Das knapp 45-minütige Stück ist eine Mischung aus Musik, Tanz und Theater. Dabei spielen die Jugendlichen mit Stöcken, Stühlen oder Hüten und nutzen ihren gesamten Körper aus Ausdrucksmittel. Nach den Tanzeinlagen erzählen und singen manche von ihnen ihre persönliche Geschichte und erläutern, was Berlin für sie darstellt. Als verbindendes Element dient eine Parabel von den Zugvögeln, die, ähnlich wie manche Menschen, den gesamten Erdball als ihre Heimat begreifen müssen. Schließlich erkennen auch die Schauspieler, dass Heimat eher ein Gefühl ist als ein fester geografischer Ort.

Unverkrampft, voller Spielfreude und mit einer enormen Ausdruckskraft geben die Berliner aus Polen, Australien, Russland und aller Herren Länder ihre Gefühle zum Teil in ihren Landessprachen auf der Bühne preis. Der Spaß, den sie dabei hatten, übertrug sich auch auf das Publikum, das manchmal mitklatschte und am Ende nach Zugaben verlangte.

Man mochte den jungen Menschen gerne glauben, dass Multikulturalität funktionieren kann – auch und vielleicht gerade in der deutschen Hauptstadt. Oder wie es vor 80 Jahren auch schon Kurt Tucholsky treffend formulierte: „Die meisten Berliner kommen sowieso aus Breslau, Brünn oder Posen.“