Theatertage am See - Festival des internationalen Amateurtheaters
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Am Schluss bleibt BetroffenheitDonnerstag, 29. März '07

Kategorie: 2007, Theaterprogramm

Von: Südkurier, Brigitte Geiselhart

Hey, der hat aber einen geilen Arsch." Nein, die Mädchen und Jungs bedienen sich in ihren pubertierenden Alltagsgesprächen sicher nicht der Sprache von Frank Wedekind. Und das ist gut so, die Zeit ist seit 1890 nicht stehen geblieben. Doch so viel hat sich für Heranwachsende auch nicht geändert. Stress in der Schule, Zoff mit den Eltern, erste sexuelle Erfahrungen, Auflehnen gegen die spießige Erwachsenenwelt. Ist das "Frühlings Erwachen" noch aktuell? Die Antwort fällt leicht: Ja, wenn es frisch und zeitgemäß präsentiert wird, wie von den Schülerinnen und Schülern der Theater AG des Überlinger Gymnasiums unter der Leitung von Heike Kienle - die ihr Erstlingsstück in Anlehnung an der Original "Das Erwachen des Frühlings" genannt haben. Kleiner Wermutstropfen am Rande: Weil ganze Schulklassen nicht in der Lage waren, pünktlich zu sein, musste die Aufführung zum Leidwesen der Schauspieler und der übrigen Zuschauer zweimal begonnen werden.

Zwei Sofas, wo Männlein und Weiblein - natürlich getrennt - abhängen, der beklemmende und stickige Dunstkreis zu Hause, das verhasste Lehrerzimmer, der Friedhof - die Performance des Theaterklassikers steht und fällt mit der atmosphärischen Dichte, mit dem geforderten schnellen Szenenwechsel. Wie kann man ein Stück geballten Lebens in knappe 75 Minuten fassen? Durch das unkomplizierte Verschieben der Bühnenstellwände, auch durch variierende Hintergrundmusik, gelingt es den Akteuren, ohne Spannungsverlust in ständig veränderte Gefühlstiefen einblicken zu lassen. Das Feld der Charaktere ist bestellt: Da ist Moritz, der schlechte Schüler, der die Liebe erfahren und sich doch notfalls umbringen will. Da ist die unaufgeklärte Wendla, die im wahrsten Sinne des Wortes wie die Jungfrau zum Kind kommt und die Borniertheit ihrer Eltern mit dem jungen Leben bezahlen muss - und da ist der provokante Melchior, der sich erdreistet, eine pornographisch anmutende Abhandlung über den "Beischlaf" in Umlauf zu bringen. Die Objekte der geschlechtsspezifischen Begierde sind fixiert und doch sind die jugendlichen Annäherungsversuche größtenteils zum Scheitern verurteilt. Allzu schwerfallende Worte wie "Penis" oder "Vagina" werden nicht in den Mund genommen und dem Publikum per Zettel angezeigt. Wie bei Wedekind selbst, müssen aber trotz tragischer Handlung Humor und Satire nicht auf der Strecke bleiben. Logisch, Lehrer müssen einfach Volltrottel sein und "Sonnenstich", "Fliegentod" oder "Knüppeldick" heißen. Am Schluss bleibt nachdenkliche Betroffenheit - daran hat sich zwischen 1890 und 2007 nichts geändert.