Theatertage am See - Festival des internationalen Amateurtheaters
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Lautlos erwacht die FreiheitDonnerstag, 29. März '07

Kategorie: 2007, Theaterprogramm

Von: Südkurier, Steffen Armbruster

Freiheit ist nicht gleich Freiheit. Für uns bedeutet sie einen Grundsatz der Demokratie oder individuelle Verwirklichung der Persönlichkeit. Für die nach 1945 in Deutschland Geborenen ist sie eine Selbstverständlichkeit. Das gilt nicht für die Bürger Litauens. Erst 1990 erlangte die Republik Litauen ihre Selbstständigkeit. Doch nicht ausschließlich mit dem Kampf im Streben nach Unabhängigkeit beschäftigt sich die Jugendgruppe "Helijas" aus Siauliai in ihrem Stück "Der Baum". Vielmehr wird verdeutlicht, wie jeder mit der plötzlich erlangten Freiheit individuell umzugehen vermag.

Auf der dunklen Bühne, mit dem Rücken zum Publikum, stehen sie nebeneinander: Sieben schwarz gekleidete Menschen, die ein langes Seil miteinander verbindet. Sie alle haben dasselbe Schicksal. Gefesselt sind sie, gefangen. Schlagartig drehen sich die jungen Darsteller dem Publikum zu, wollen entfliehen, das Seil zerreißen. Dick ist es und will nicht nachgeben. Als wollte es sagen: "So leicht bekommt ihr sie nicht, eure Freiheit!" Musik setzt ein. Düstere, schrille Musik, die ein Lied von besseren Tagen würde singen können, wäre da nicht diese Fessel. In ihrer Schwere bedrängt sie den Zuschauer, der sich nach Kürze selbst in gewaltige Ketten gelegt wieder findet.

Wie durch ein Wunder kommen die Häftlinge unerwartet frei. Das Seil und ebenso die Musik wird leicht wie ein Sommerregen. Die Mimik und Gestik der sieben Schauspielerinnen und deren beiden männlichen Kollegen verrät, dass sie von der Sonne der Freiheit geblendet sind. Fasziniert begutachten sie einen mächtigen Baum. Erfreut ernten sie seine Schätze. Die Fantasie des Zuschauers erblickt vor dem geistigen Auge Früchte, Glaskugeln oder glitzernde Perlen. Doch keine der früheren Marionetten weiß, wie mit dem neuen Schatz umzugehen ist - bis sich die in Freiheit Gekommenen zusammenschließen. Alle Kostbarkeiten bilden ein Buch, in dem das Wort "Lietuvos" steht. Leise lesen sie es. Flüstern erst, rufen dann und schreien es schließlich aus voller Kehle dem Zuschauer entgegen: "Lie-tu-vos" - Litauen, das einzige Wort des gesamten Stücks.

Ausschließlich mit gekonnter Mimik, Gestik sowie Licht- und Musikeffekten kommt die Inszenierung von "Der Baum" aus. Auf ein Minimum reduziert sind die Requisiten. Es gibt nur das Seil. Alles andere entsteht in der Fantasie der Zuschauer. "Damit wollten wir zeigen, dass äußere Freiheit nicht bedeutet, dass der Mensch selbst frei ist und sich auch so fühlt", sagt Regisseurin Virgilija Staseviciute. Freiheit ist eben nicht gleich Freiheit.