Theatertage am See - Festival des internationalen Amateurtheaters
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Volkstheater - FÜR WEN?

VOLKSTHEATER - für wen? oder: volksTHEATER für wen? Oder: VOLKStheater für wen?

Beim Begriff Volkstheater denken wir sofort an Komödienstadl, an derbes Bauerntheater. Die „Kulturbeflissenen“ rümpfen die Nase über die einfach gestrickten Stücke mit ihrer doppelten Moral und den noch einfacheren Lösungen, bei denen die Guten sich am Schluss immer heiraten und die Intrigenspinner sich in ihren Fallstricken verheddern.

Aber – seien wir ehrlich – wir grämen uns schon angesichts ausverkaufter Aufführungen, der weit hinaus dröhnenden Freude des Publikums an seinen Schauspielern. Sind wir nicht froh, wenn zu unseren Inszenierungen wenigstens ein paar Zuschauer sich einfinden, die wir dann bitten, sich in die ersten zwei Reihen zu setzen, damit wir nicht das Gefühl haben, gänzlich ohne Publikum zu sein? Selbstverständlich weisen wir jeden Anflug von Neid zurück, Anspruch hat seinen Preis, aber nachdenklich muss es schon machen, wenn den Theatern die Zuschauerzahlen wegbleiben.
Das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums ist eben doch ein nicht zu vernachlässigendes Kriterium, die Einschaltquoten der daily soaps im Fernsehen belegen dies und die Massen, die es in die Sportarenen zieht, ebenso. Nicht ohne Grund tingeln gute Improtheatergruppen nach wie vor mit Theatersport erfolgreich durch die Lande.

Das alles sind Spielformen eines Volkstheaters, aber ist der Begriff nicht sehr viel weiter zu fassen? Durch Rückgriffe auf Volkstheater erhielt das Theater des 20. Jahrhunderts von Brecht, Horvath, Zuckmayer, Kroetz u.v.a. entscheidende Impulse. Und - waren die Stücke der Antike, die riesige Theaterarenen füllten nicht auch Volkstheater, nämlich im besten Sinne „Theater mit dem Volk und für das Volk“? Oft reihen sich die antiken Theaterarenen mit mehr als 10 000 Zuschauerplätzen in einem Abstand von 20 km, Theater muss vor 2500 Jahren eine regelrechte Volksbewegung gewesen sein. Und Lessings Theater der Aufklärung, Schillers moralische Anstalt, Nestroy, Hauptmann …? Ist das nicht alles Volkstheater im besten Sinn des Wortes? Die mythologischen Wagneropern, die Shakespearestücke, Faust? Alle schöpfen sie „ihren Stoff“ aus dem politischen und kulturellen Erbe, den Geschichten und Erzählungen ihrer Völker?

Gerade im Amateurtheater sind in den letzten Jahren spannende Prozesse zu beobachten, eine neue Auseinandersetzung mit Volkstheater zu suchen. Es entstanden Inszenierungen, besonders auffallend dabei im deutschsprachigen Raum in Österreich, der Schweiz und Südtirol, die ganz neue Zugänge und Stoffe für das Theater entdecken. Mit dem „Theater Lindenhof“ in Melchingen auf der Schwäbischen Alb haben wir ein außergewöhnliches Ensemble direkt vor unserer Haustür. Die Frage nach zeitgenössischen Formen des Volkstheaters geht einher mit der Frage, für wen spielt Theater? Welche Rolle spielt das Publikum im Schul- und Amateurtheater? Welche besonderen Spielweisen entwickeln wir für das Publikum und mit dem Publikum. Und zum Schluss: Finden wir nicht genau in dieser Auseinandersetzung einen wichtigen Schlüssel, um auch ein junges Publikum wieder für Theater zu begeistern? Schließlich spielt das Schul- und Amateurtheater, wie Franz Xaver Kroetz das immer wollte, ja auch heute noch „zwischen Wirtshaus und Kirchturm“.

Volkstheater bietet genügend Stoff, Stücke und Spielformen, um bei den 21. THEATERTAGEN AM SEE den thematischen Focus auch einmal auf das Verhältnis zwischen Bühne und Publikum zu richten.