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Flucht in den SelbstmordDienstag, 07. April '09
Länger und schwieriger als gedacht ist der Weg zur Integration von „Migranten“ – sprich Ausländern, Einwanderern, Gastarbeitern. Da stimmt es hoffnungsfroh, dass in Langenau bei Ulm sieben türkische und zwei deutsche Mitbürger als Schauspieler zu einem Theaterprojekt zusammengefunden haben. „Wenn nur eine Handvoll von Leuten anfängt zu reden, zu diskutieren, über die eigene Position zu reflektieren, dann ist schon was erreicht!“, sprach Regisseur Thomas Laengerer. Eine Handvoll Leute hatte sich gefunden. Bequem war es nicht gerade, auf den Waschbetonplatten im Vorhof der Bodenseeschule zu hocken. Die offizielle Nachbesprechung sollte erst abends stattfinden, wenn der Großteil der Darsteller bereits auf dem Heimweg war. Inoffiziell ging es aber hier schon hoch her. Fast alle Schauspieler nebst Regisseur und Initiator Wilmar Jakober beteiligten sich an dem „Sit-In“.
Da war Anelia, die schlanke junge Frau in (orientalischen) Pluderhosen, da Ana, die etwas ältere, ebenso schlanke Schwarzlockige in schicken (globalen) schwarzen Jeans. Doch, verkehrte Welt, wie schön: Anelia ist Deutsche, Ana Türkin. Auf der Bühne – ohne Kulissen, außer ein paar Stühlen und einem improvisierten Tischchen – agierte Anelia als Noch-Nicht-Schwiegertochter von Frau Arslan (Ana), die mit Kopftuch und Pluderhosen auf Teezubereitung und Dienstleistungen reduziert schien. Nermin, Studentin in Istanbul, auf Heimaturlaub in Deutschland, mischt die Familienverhältnisse gehörig auf. In dieser Rolle überzeugte Hatice Altunkiran vollständig, mit Wut im Bauch und emanzipatorischer Energie.
Grund dazu liefert Schwester Zeynep. Es trieb einem die Tränen in die Augen, wie Tugba Aldirmaz das schwangere Mädchen darstellte, hin- und hergerissen zwischen dem Koranschullehrer und dem Heute, ein Bündel Angst. Nur ihrer großen Schwester kann sie sich anvertrauen, denn die Mutter ist keine Hilfe. „Schaut sie euch an! Ist sie nicht eigentlich tot?“, fordert die große Schwester. Der junge Bruder Ali, ein richtiger „Kanak“, wurde von Duygu Aldirmaz, eigentlich die Souffleuse, improvisiert, weil der Darsteller fehlte. Der Vater (Süleyman K1ndir) trägt ebenso naiv seine Scheuklappen wie der Koranschullehrer (Ali Yesildag). Die deutsche Ilona (Alenia) ist mit dem Macho-Fiesling Mehmet (Iskender Yesildag) verlobt, was sich nach Zuspitzung der Ereignisse (und einer Ohrfeige) jedoch ändert. Zuspitzung? Zeynep ist tot! Kurz bevor Schwester und Bruder sie befreien, retten können, hat sie sich erhängt. Selbstmord aus Angst vor der Exekution durch die Familie, die erschütterndste Variante des Ehrenmordes.
Eine Zuschauerin gab zu bedenken, ob dieses Stück die klassischen Vorurteile nicht noch schürt. Doch diese Klischeevorstellungen genauer zu betrachten, darum geht es vermutlich dem Autor Nazim K1ygi unter anderem. Er bietet keine (Patent-)Lösung an, versucht aufzuzeigen, wie es zu Konflikten zwischen den Parallelwelten kommen kann. Bitterböse resümiert Schwester Nermin, wie „billig die Ehre, wie teuer die Scham“ ist. Offenbar ist freiwilliger Sex inakzeptabel. Vergewaltigung? „Sie hätte sich wehren müssen!“, meint der Vater.
Gegen drei Männer? Naja ... Klar für ihn, dass das Deutsche waren. Nermin enthüllt die Wahrheit: Es waren „Ausländer der übelsten Sorte: Türken!“ Zudem die besten Kumpels des Couchpotatoes Ali. Das ist schlimm für Herrn Arslan. Aber Zeynep enthebt die Familie einer Entscheidung durch Selbsttötung. Maschallah?








