Theatertage am See - Festival des internationalen Amateurtheaters
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Reise ans Ende der NachtMonday, 11. April '11

Category: 2011

By: Südkurier

Theatertage: „Milan“ schildertdas Leben eines europäischen „Zigeuners“

Matthias Hochradl vom Theater Holzhausen zeigt während den Theatertagen in der Bodensee-Schule das Einpersonenstück „Milan“. Bild: Rüdiger Schall

Das ist doch ein typischer Penner: Auf die Seite gerollt liegt er da, neben sich ein Koffer und eine Flasche Fusel. Ein Penner? So kann man über einen Menschen denken, solange man mit ihm nichts zu tun hat. Wenn er aber zu erzählen beginnt, und das tut Milan, sieht die Sache anders aus. Milan also ist Rom, wie man einen Mann aus dem Volk der Roma nennt, und sein ganzes Leben schon ein Wandernder. Einer, der nirgendwo dazugehört, der immer nur auf Durchreise ist – weil er sowieso nirgendwo willkommen ist. Nur zu Nadja, auf die er auf seiner Lebensreise stößt, zu ihr gehört er – bis sie ihm genommen wird, von bewaffneten Verbrechern. Das Radio meldet: Ein verletzter Mann wurde aufgefunden, der mutmaßlich drei Tage lang neben einer verstümmelten toten Frau ausharrte. Wahrscheinlich versuchte er, sie mit bloßen Händen zu vergraben.

Dieser Mann ist Milan, und der Schauspieler, der ihn verkörpert, ist Matthias Hochradl vom Theater Holzhausen (bei Salzburg). Das Einpersonenstück „Milan“ von Veronika Pernthaner, die auch Regie führt, ist eine Eigenproduktion – und wieder mal ein Beweis dafür, wie sehr so genanntes „Amateurtheater“ sich ins Zeug legt und es dabei zu Ergebnissen bringt, die gegenüber professionellen Bühnen nicht abfallen müssen.

Matthias Hochradl, und damit auch Milan, ist ein großer, schwerer Mann. „Ich war immer schon der Größte, schon als ich noch ganz klein war“, sagt er, in diesem durchaus auch mit Humor gesegneten Stück, das nicht den Fehler macht, zu Gutmenschen-Theater zu werden, welches die Schuld am Schicksal der „Zigeuner“ einfach nur der Gesellschaft der Sesshaften zuschreibt: denn Milan ist ein Dieb; schon von Kindheit an ist es ihm eine Selbstverständlichkeit, in Häuser einzusteigen. „Manche haben gar nicht gemerkt, dass wir in ihren Wohnungen waren. Wir haben ja nie alles mitgenommen - nur so viel wir tragen konnten“, sagt Milan durchaus unbedarft; und da ist er wieder, dieser unscheinbare Humor, der einen wie von selbst auf seine Seite zieht.

In den 50 Minuten dieser Aufführung stellt sich allerdings auch die Frage, ob weitere poetische Verdichtung auch zu verdichtetem Erleben führt: Immer wieder werden gesprochene Gedichte aus dem Kulturkreis der Roma eingeblendet, die sich angesichts dessen, was Milan zu erzählen hat, eher wie poetische Verbrämungen ausnehmen, denn in „Milan“ wird ein Leben viel unmittelbarer als im Gedicht in Kunst überführt. Beides nun miteinander zu verbinden, bringt einen fremden Duktus in die Inszenierung, der nicht zur Linie des unmetaphorischen Lebensberichts passt und der Aufführung so einen betulichen Dreh gibt. Trotzdem: Ein starkes Stück mit einem glaubhaften Darsteller, der bis über seinen letzten Satz hinaus zu sehr in seiner Rolle steckt, als dass er über den reichen Beifall freundlich lächeln könnte.