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Ein Kind in der Hölle von LondonTuesday, 12. July '11

Category: theater days, pedagogical training for theatre, Theaterpäd. Ausbildung

By: Südkurier

Zehnter Theaterpädagogischer Ausbildungskurs spielt Charles Dickens' „Oliver Twist“

Der Sklavenarbeit entkommen, wird der verängstigte Oliver Twist (rechts) für eine Diebesbande rekrutiert. Dem 10. Theaterpädagogischen Ausbildungskurs am Seminar Meckenbeuren ist eine packende Inszenierung gelungen, die auch mit Gesang und Tanz punktet. Bild: Lewang

„Wir wollen ‚Oliver Twist' als soziales Drama erzählen; nicht als Aschenputtel-Geschichte, die Dickens auch darin verpackt hat“, sagt Jürgen Mack, der bei der Inszenierung des 10. Theaterpädagogischen Ausbildungskurses am Seminar Meckenbeuren gemeinsam mit Nicole Pengler Regie führt. Das Vorhaben ist rundum geglückt. Erzählt wird die Rettung eines gequälten Waisenkindes; dass Oliver in Dickens' Roman ein Sohn aus reichem Hause ist, dem vom Halbbruder, der ihn vernichten will, das Erbe vorenthalten wird, dieser kitschig-triviale Anteil der Geschichte wird ignoriert. Und genau so, wie sie ist, hat die Inszenierung alles, was sie braucht: von Pia und Fé André choreographierte starke und prächtige Tanzszenen im Milieu der Bettler und Freudenmädchen, die an ein Musical im Kino-Format erinnern; Charaktere, die schon nach den ersten Sekunden ihres Auftretens so griffig sind, als habe Dickens persönlich sie geknetet, und außerdem ein Sinn für inszenatorische Feinheiten neben dem Hauptgeschehen auf der Bühne, die bei einem so großen Ensemble nun wirklich keine Selbstverständlichkeit sind. Ein Regieteam, das den Überblick über 48 Schauspielerinnen und Schauspieler behalten muss – der größten Bühnengruppe, die es am Seminar von Meckenbeuren bislang gab – hat gewiss genügend zu tun. Vergessen wir nicht die Musik: Sie schlägt sofort in Bann.

Gemeinsam mit Bartosz Nowakowski, dem Leiter der polnischen Jugendtheatergruppe „Próg“, dem Gitarristen Samuel Maitland und anderen hat sich das Team starke Melodien auf den eigenen Schauspielerleib geschrieben; Chorgesänge, die pathetisch und schicksalsträchtig sind, in denen sich der Geist uralter Folkmusik mit Shanty-Einflüssen verbindet. Den astrein einstudierten großen Schauspielerchor durchweht der mehrstimmige Gesang wie der Wind ein Weizenfeld; ergreifende Musik, die nach den Härten des Lebens klingt.

Die komplette Inszenierung kleckert nicht, sie klotzt. Die Bühne ist kein frontaler Guckkasten, sondern ein langer Laufsteg, der vorn zudem in einer Drehbühne mündet. Auf ihr, gebildet aus dem gekippten Mühlrad der letztjährigen „Krabat“-Inszenierung, findet sich das Tableau der Londoner Gesellschaft – vom gemeinen Schurken bis zum hochnäsigen und ausbeuterischen Aristokraten, jeder auf seine Weise verdorben.

Auch darstellerisch reißt die Inszenierung mit: Jochen Stuppi gibt den verschüchterten kleinen Oliver, der Seelenadel besitzt, mit zusammengezogener Gestik sehr glaubhaft; Tobias Osterried als Gauner Fagin verkörpert zunächst den bei Dickens angelegten Klischee-Juden, verlässt aber dann sprachlich das Jiddische, zum Zeichen der Distanzierung vom Antisemitismus; sein Kumpan Sikes (Horst Kirschner) ist ein latent blutdürstiger Totschläger durch und durch, und Freudenmädchen Nancy (Sarah Walker) eine couragierte, aufrichtige Haut, der Sikes dafür in einer alptraumhaften Szene das Leben nimmt. Noch viele Namen wären zu nennen inmitten dieses Bildes einer unmenschlichen Gesellschaft. Letztere kommt in der typisierten Zuspitzung der Charaktere sehr unterhaltsam daher, büßt aber nirgends ihren Schrecken ein. „Oliver Twist“ – ein bewegendes und bereicherndes Ereignis.