Theatertage am See - Festival des internationalen Amateurtheaters
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Laudatio Schul- und Jugendtheaterpreis 2009Friday, 24. July '09

 

Die Jury, bestehend aus Miriam Dilg, Christian Schulz, Werner Jauch und Jörg Ehni hat sich – im Bewusstsein der Unmöglichkeit, den gezeigten Leistungen wirklich gerecht zu werden – entschieden. Sechs Stücke gab es zu bewerten. Vier dieser Stücke lagen so nahe beieinander, dass sie für alle Juroren in die engere Wahl für den ersten Preis kamen. Dies spricht für das hohe Niveau der diesjährigen Veranstaltungen, die durch eine polnische und eine internationale Produktion unter polnischer Regie ihre ganz besonderen Akzente erhielt. Trotz langer, intensiver Diskussion sahen sich die Juroren nicht in der Lage, eine weitere Eingrenzung vorzunehmen. Die Aussonderung einer einzigen Produk-tion war nicht möglich. Jede Zurückstellung der anderen Gruppenarbeiten wäre ungerecht gewesen.

Das Ergebnis ist: Vier Stücke werden gleichermaßen auf den ersten Platz gesetzt. Es war der Jury klar, dass bei dieser Entscheidung das zu teilende Preisgeld einen eher symbolischen Wert erhält.

Ausgewählt wurden – ich nenne zuerst die Gäste und danach die anderen Gruppen:

1. Die Gruppe PROG, aus Polen mit ihrem Theatrical and Happening „SHE“ oder – wie der polnische Titel heißt „ONA“. Sie arbeitet unter der Leitung von Batosz Nowakowski in  Wadowice, einer Stadt mit ca. 20.000 Einwohner. Sie liegt 50 km SW von Krakau am Fuß der kleinen Beskiden.

Die Geschichte, die von der Gruppe auf der Bühne gestellt wird, erzählt – wie es auf dem Informationsblatt heißt – „vom Leben durch das Prisma des Todes“. Ein vom Tod gezeichnetes Mädchen begegnet im Krankenhaus jungen Menschen mit einem ähnlichen Schicksal und lernt von ihnen und von dem behandelnden Arzt, dass im Lachen eine heilende Kraft steckt. Sie erlaubt es uns, Frustrationen, Krankheit und Tod neu zu begegnen und aus diesem Erlebnis Kraft zu schöpfen und ein neues Verhältnis zu uns selbst und unseren Leiden zu gewinnen.

Aus diesem medizinisch und philosophisch begründeten Thema entwickelt die Gruppe mit ihrem Theater, mit Rhythmus und einer anarchischen Vitalität, die alle Grenzen der Konvention zu sprengen scheint, eine Hymne an das Leben. Sie entfaltet dabei eine wilde Spiel- und Gestaltungsfreude, die freilich erst aus höchster Genauigkeit, glühender Konzentration und absoluter körperlicher Präsenz erwachsen kann. Die zirzensichen Einlagen erinnern an das alte, vagabundierende Gauklerwesen vergangener Zeiten. Einfachste Bühnenelemente wie Kästen mit sich öffnenden und schließenden Klappen gehören mit zu dieser archaisch anmutenden Spielweise. Obwohl der polnische Text für die meisten Zuschauer unverständlich blieb, vermittelte sich die Aussage des Stücks ohne Schwierigkeit. Der englische Subtext half, aber er war nicht unbedingt notwendig. Die theatralen Zeichen waren von zwingender Klarheit. Auf diese Weise vermittelte sich ein wegweisendes, ungemein lebendiges Jugendtheater weit ab von aller Konvention.

2. Das Stück OPPELNER STRASSE eine Eigenproduktion vom Theater der Migranten in Berlin unter der Leitung von Oleg Witt. Die Gruppe besteht aus 18 jungen Menschen, die es aus ganz verschiedenen Himmelsrichtungen in die bundesdeutsche Hauptstadt geweht hat. Afrika (Sambia), Australien, Libanon, Israel, Türkei, sind nur einige der Heimatländer. Eine kleine Gruppe stammt aus  dem polnischen Opole, einer Stadt, die zwischen Breslau und Kattowitz an der Oder liegt.

Im Zentrum der Produktion stehen die Biographien der Mispieler, die sie nacheinander in kurzen Zügen erzählen. Eingebettet sind diese Geschichten in eine wunderbare, sich langsam aufbauende Form von sensibler, eindringlicher Bildhaftigkeit. Sie entsteht aus vorgeburtlicher Dunkelheit, aus dem Wind, der  jeden Einzelnen schicksalhaft aus seinen Ursprüngen in fremde Welten bläst. Die Bilder steigern sich zur Auseinandersetzung mit feindlichen Kräften, zum Kampf mit dem Unbekannten, zu Niederlagen und Glücksmomenten, zu neuen Erfahrungen, die die Frage nach der eigenen Identität und ihrer Beziehung zur Umwelt aufwerfen. Was ist Heimat? Was trage ich von meiner Herkunft in mir? Wer trägt die Schuld an meinem Schicksal? Wie kann ich mich mit mir und all dem Neuen versöhnen? Die erzählten Biografien machen diese schmerzhaften Auseinandersetzungen deutlich, aber sie erzählen auch von den sich öffnenden Chancen des Migrantentums, von der Lust, teilzuhaben am Reichtum des Lebens. Sie münden vielfach in ein Lied, das stellvertretend für den eigenen Ursprung steht, und das nun symbolisch von allen aufgenommen und weitergesungen wird. Die Produktion öffnet mit traumhafter, improvisatori-scher Sicherheit weite emotionale Räume, ohne auch nur eine Sekunde ins Sentimentale abzugleiten. Glänzend ist die Idee, diese Biographien immer wieder mit den Flügen der Zugvögel in Verbindung zu bringen. Ein Forscher aus Opole hatte im 19 Jh. deren Wanderungen beobachtet und beschrieben.