Theatertage am See - Festival des internationalen Amateurtheaters
Kontakt Das Festival Kurs- und Theaterprogramm Theaterpädagogische Ausbildung Impressionen vom Festival Ausschreibung der kommenden Theatertage
Gästebuch
Impressum
Förderer

Aktuelles zur theaterpädagogischen Aus- und Fortbildung

Grandiose Hommage an MolièreMonday, 31. January '11

Category: TOB Pressemappe, pedagogical training for theatre

By: Südkurier

Theater Oberschwaben Bodensee begeistert im Meckenbeurer Kultur- schuppen Gleis 1 mit „Vive La Comédie“

Wo steckt denn wieder der Molière? Szene aus „Vive La Comédie“ des Theaters Oberschwaben Bodensee in Meckenbeuren. Bild: Enzenhöfer

„Die lächerlichsten aller Träume sind die Träume der Weltverbesserer“, so formulierte einst Molière. Das entsprang gewiss seiner Frustration über zahlreiche ablehnende Reaktionen auf seine Stücke. Doch steckt wohl von jeher in jedem Theatermacher nichts weniger als die Absicht des Verbesserns der Leute, denen er den Spiegel vorhält. Genau dies tat ja der passionierte Schauspieler, der es nicht lange aushielt, den Vorstellungen seines Vaters zu entsprechen, nämlich als Tapissier (Raumausstatter) oder gar Rechtsanwalt tätig zu sein. Unterstützt von Mutter und Großvater, erwachte und obsiegte später seine Theaterleidenschaft.

Eigene Erfahrungen – Vater-Sohn-Konflikte, Verhalten der (feinen) Gesellschaft mit allem Opportunismus, aller Heuchelei sowie Liebesbeziehungen – nährten seine Arbeit als Verfasser. Diese Biographie machte nun das Theater Oberschwaben Bodensee, kurz TOB, zum Gegenstand seiner Hommage an Molière: „Vive La Comédie“.

Aufgrund der geographischen Verstreutheit probten die zwölf Darsteller 14-tägig, dann aber das gesamte Wochenende. Angeleitet wurden sie von Helga Kröplin, dieser wiederum wurde assistiert von Dorothea Böggemeyer. Mit enormem Ergebnis! Intensive Körperarbeit zeitigte eindrucksvolle Ergebnisse. So mussten wegen Männermangels (3:9) die Frauen zahlreiche Hosenrollen übernehmen. Das ist immer vor allem eine körperliche Herausforderung. Gang, Habitus, Sprechweise wurden ganz außerordentlich überzeugend gemeistert. Beachtlich: Jede(r) hatte drei bis sechs oft sehr divergente Rollen zu spielen. Hier sei auch der rasende Kostümwechsel erwähnt. Und die bei allen herrschende Textsicherheit. Von kindlichen Dachbodenspielen mit den Schwestern schlug das TOB den Bogen bis zum frühen Tod des gerade 51-jährigen Jean Baptiste Poquelin quasi auf der Bühne, ausgerechnet in der Rolle des „malade imaginaire“.

Ein veritabler Thespis-Karren und simple Kästen dienten als raffiniert eingesetzte Kulissen. Hierfür war der vielseitige und theaterbeseelte Jürgen Mack verantwortlich. Sogar das Gestänge des Planwagens wurde vielfältig, oft fast tänzerisch bespielt. Die wunderbaren Kostüme waren zeitgenössisch, aber auch gauklerisch-närrisch gemäß der commedia dell'arte sowie gelegentlich der heutigen Zeit entsprechend. Ebenso war konsequent die Musik ausgewählt. Die Truppe sang ganz hervorragend altfranzösische Chansons. Ein Chanson des 20. Jahrhunderts erklang (aus dem Lautsprecher) zu der grandiosen modernen Demi-Monde-Fassung des „Misanthropen“.

Deutlich machte das TOB auch den ewigen Konflikt der Prostitution zugunsten der Publikumswirksamkeit wider die hochfahrende moralische Botschaft, der Molière überreichlich zu schaffen machte, insbesondere mit seinem immer wieder verbotenen „Tartuffe“. Es war umwerfend, wie die Zwölf das Spiel im Spiel darboten, wie sie eben noch Originalrollen verkörperten um sogleich als Privatpersonen locker daherzu kommen. Aus zahlreichen Komödien, Tragikomödien, Komödien und Farcen gaben sie eindrucksvolle Beispiele. Hier sei unbedingt angeführt, wie bravourös die Schauspieler auch die gereimten Texte mit großer Natürlichkeit brachten, fern allen Leierns.

Warum das Premierenpublikum in Meckenbeuren mit Szenenaplaus geizte, lag sicher an der durchgehenden Faszination. Es wollte sich durch Applaudieren auf keinen Fall die nächste Pointe entgehen lassen.